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Stichwort: Bahnhofskino


Als Bahnhofskino wurden ab den 1950er Jahren zunächst Filmtheater bezeichnet, die in Bahnhöfen ab dem frühen Vormittag bis kurz nach Mitternacht in einer Endlosschleife Wochenschauen zeigten und sich auch Aktualitätenkinos (AKI) nannten. Nach dem Durchbruch des Fernsehens verwandelten sich diese "Durchgangskinos" mit ihrem Wartehallencharakter in den Sechzigern in Spielfilmtheater mit harten Action-, Horror- und Sexfilmen. Der Programmwechsel erfolgte alle zwei oder drei Tage. Maßgeblichen Anteil am plötzlichen Siegeszug dieses an Jahrmarktschauwerten orientierten Erwachsenenkinos hatten die erfolgreichen "Frau Wirtin..."-Filme (1968/69) sowie die 1970 gestarteten "Schulmädchen-Reports" und "Tokugawa"-Schocker.
Zeitgleich zur Umstellung auf eindeutige Spielfilmware etablierten sich in deutschen Großstädten ab 1970 in Bahnhofsnähe und auf Amüsiermeilen neue sogenannte Kinocenter. Dabei handelte es sich um traditionsreiche Einzelhäuser, die Architekten in kleine Schachtelkinos zerteilt hatten, um statt der zum Start unerreichbaren Premium-Hollywoodware billigere Sex-, Action-, Horror- und Kung-Fu-Titel zeigen zu können. Um das Laufpublikum zufrieden zu stellen, wechselten die Kinos meist im Wochenrhythmus das Programm. Die Filmauswahl richtete sich nach speziellen Buchungspaketen, bekannten Starnamen, vielversprechend klingenden Titeln wie "Liebestoll" oder "Das Haus der lebenden Leichen", und knalligen Plakatmotiven mit Mädchen, Muskelmännern, Explosionen. Im Gegensatz zu den AKIs oder dem Berliner Olympia am Zoo liefen die Filme in Häusern wie dem Hamburger Bali oder Münchner Stachus-Center nicht in einer 16stündigen Endlosschleife, sondern kamen zu festen Startzeiten zum Einsatz, meist alle zwei Stunden. Einige Theater starteten bereits um 9 oder 10, andere erst um 15 Uhr. Oftmals wurden, ähnlich wie in den Autokinos, an Wochenenden spezielle Doppelvorstellungen und Filmnächte angeboten.





Die Erwartungen an die Auslastung dieser im Zeitungsfeuilleton gerne "Hau-Ruck"- oder "Schmuddelkinos" beschimpften Etablissements waren deutlich geringer als bei Erstaufführungskinos, weshalb die Kinobesitzer gar nicht erst warteten, ob sich ein Film eine zweite oder gar dritte Woche bewähren würde. Meist galten 70 oder 80 Zuschauer pro Tag und Film schon als passabler Erfolg, wobei man es auf eventuelle Rückgänge in einer zweiten Einsatzwoche lieber nicht ankommen lassen wollte und den nächsten Titel ins Haus bestellte. Mit der steten Verkleinerung des männlichen Einzelgängerpublikums ging das Geschäft kaputt - zahllose Stammbesucher, die sich über Jahre in den Kinocentern ihre wöchentliche Portion Sex und Action abgeholt hatten, waren längst in die Videotheken abgewandert.
Das Ende dieser "anderen" Bahnhofskinos, die mitunter gar nicht in unmittelbarer Bahnhofsnähe lagen, setzte 1982 ein und zog sich bis 1987/88 hin. Wer konnte, änderte das Programmschema und versuchte an Mitspielkopien potentieller Hits zu kommen oder einen Kurswechsel Richtung "One-Dollar-House", Fremdsprachen- oder Arthousekino zu erzwingen, meist vergeblich.
Heute wird der Begriff "Bahnhofskino" zunehmend als Synonym für das amerikanische "Grindhouse" verwendet, wobei oftmals kostengünstige B- und C-Movies, sprich Werke aus dem unendlichen Kosmos des Exploiationkinos, gemeint sind, weniger die Orte, an denen sie vorgeführt wurden. (Dass das Wissen um diese Orte manchem Exploitationfilm eine zusätzliche Dimension verleiht, mussten Quentin Tarantino und Robert Rodriguez schmerzlich feststellen, als sie im April 2007 ihr aus zwei harten Thrillern und Faketrailern bestehendes "Grindhouse"-Experiment in die US-Kinos brachten und bei den meisten Kinogängern auf völliges Unverständnis stießen, da letztere, im Gegensatz zu den zwei Regisseuren, den Großteil ihrer Jugend eben nicht in Schmuddelkinos, sondern in sauberen Multiplexen verbracht hatten.)